40 Jahre Priester in der Abtei Münsterschwarzach

Liebe Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern!

60 und 50 Jahre Profess, 50, 40 und 25 Jahre Priestersein ist Anlass, dankbar zurückzuschauen auf das, was Gott an uns und durch uns in all den Jahren gewirkt hat. Das Herz-Jesu-Fest, das wir heute feiern, lädt uns jedoch ein, von uns selbst wegzuschauen auf das Herz, das verwundet worden ist, das durchbohrt worden ist und gerade so zur Quelle des Segens für uns geworden ist. Das Bild des durchbohrten  Herzens sagt uns, dass unser Leben nur dann fruchtbar wird, wenn wir uns das Herz aufbrechen lassen. Wir werden in unserem Herzen aufgebrochen für die innere Quelle, wenn wir unsere Vorstellungen und Illusionen, die wir von uns und unserem Leben haben, zerbrechen lassen. Das ist ein schmerzlicher Prozess, weil wir oft so zusammengewachsen sind mit unseren inneren Bildern. Nur wer seine Bilder zerbrechen lässt, kommt in Berührung mit seinem Herzen. Das hat Abba Pambo, ein Altvater aus dem 4. Jahrhundert, verstanden, wenn er sagt: „Wenn du ein Herz hast, kannst du gerettet werden. Wenn du dein Herz öffnest, wird dein Leben gelingen, wirst du zum Segen für andere.“

Im heutigen Evangelium lädt uns Jesus ein, in seine Schule zu gehen und von ihm zu lernen. Der hl. Benedikt bezieht sich auf diesen Text aus dem Matthäusevangelium, wenn er im Prolog seiner Regel sagt, dass er eine Schule im Dienst des Herrn errichtet, in der nichts Hartes auferlegt. Auch wenn wir schon 60 Jahre als Mönche leben, müssen wir immer neu in die Schule Jesu gehen und von ihm lernen. Das griechische Wort für Schule „schole“ heißt Muße, um über die wesentlichen Dinge des Lebens nachzudenken. Es kommt von „echein“, das innehalten bedeutet. Jesus lädt uns in seine Schule ein, dass wir innehalten, dass wir mit unserem Inneren in Berührung kommen und dort im Innern die Haltungen in uns entdecken, die uns Halt geben. Jesus lädt zwei Gruppen von Menschen in seine Schule ein: die, die sich plagen, und die, die unter Lasten stöhnen. Wir kennen beide Haltungen in uns. Oft plagen wir uns, wir treiben uns an mit inneren Antreibern, immer schneller, perfekter und erfolgreicher sein zu müssen, und überfordern uns damit. Oder wir stöhnen unter der Last, die wir selber sind mit unseren Lebensmustern, mit unseren Empfindlichkeiten und Unsicherheiten.

Vier Haltungen will uns Jesus in seiner Schule lehren. Da ist einmal das Joch, das wir auf uns nehmen sollen. Das Bild des Jochs ist für uns eher negativ: wir fühlen uns unterjocht. Doch Joch ist das gleiche Wort wie Yoga. Es meint eine Selbstdisziplin, die das, was in uns getrennt ist, zusammenführt, damit unser Leben nicht auseinander fällt, sondern innerlich verbunden ist. So sprechen wir ja auch von einem Bergjoch, das den einen Berg mit dem andern verbindet. Unser Leben gelingt nur, wenn wir uns binden an einen Menschen, an Gott, an etwas, was größer ist als wir selbst. Indem wir uns binden, verbinden wir all das, was in uns auseinander triftet, was uns zu zerreißen droht. Nur wer sich bindet, wird verbindlich, findet zu seinem wahren Selbst.

Die zweite Haltung, die wir in der Schule Jesu lernen sollen, ist die Sanftmut. Sanft kommt von sammeln. Sanftmut ist der Mut, all das, was in unserem langen Leben geschehen ist, zu sammeln, nichts auszuschließen. Wir sollen nicht nur unsere Großtaten sammeln, sondern auch unsere Niederlagen, nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Schwächen. Wer alles sammelt und nichts aus seinem Leben ausschließt, der ist gesammelt. Wenn wir ihm begegnen, haben wir den Eindruck, dass wir einem Menschen begegnen, der uns beschenkt mit dem Reichtum seines Lebens. Wer dagegen die Hälfte seines Lebens ausschließt, weil sie nicht mit seinen Vorstellungen von sich übereinstimmt, der wird als reduzierter Mensch in die Begegnung gehen. Wir begegnen vielleicht nur seinem Kopf, oder nur seiner spirituellen Seite, oder nur dem Mönch oder nur dem Priester, aber nicht dem Menschen, in dem sich viele Lebenserfahrungen gesammelt haben. Es braucht Mut, alles in sich zu sammeln. Aber es führt zu der Haltung, die Benedikt als das Kennzeichen des spirituellen Menschen sieht: zum weiten Herzen. Das weite Herz bewertet und beurteilt nicht. Es ist offen für die Menschen. Mit einem Herzen sind wir fähig, auch die Bruchstücke aus dem Leben des andern zu sammeln und ihn in seine Ganzheit und in seine Weite zu führen.

Mut braucht es auch zur Demut, zur humilitas. Demut ist der Mut, hinabzusteigen zur Erde, hinabzusteigen in die Tiefen der eigenen Seele, in die dunklen Bereiche meines Lebens, in die Schattenseiten, die ich am liebsten verdrängen möchte. Der hl. Benedikt formuliert in seiner Regel immer wieder das christliche Paradox, dass nur der in den Himmel aufsteigt, der zuvor hinabgestiegen ist in die Tiefen seines Menschseins, in die eigene Erdhaftigkeit.

Das Ziel der Schule Jesu ist die innere Ruhe. Für die Griechen ist die Ruhe, die anapausis, der Ort, an dem der Mensch frei aufatmet, in der er sein Wesen erkennt. Die Bibel spricht von der Sabbatruhe Gottes, in die der Mensch eingehen darf. Für die Mönche war die hesychia, die innere Ruhe, das Ziel ihres geistlichen Lebens. Es ist der innere Raum der Stille, der heilige Raum des Himmels in uns, in dem wir zur Ruhe kommen. Das ist die Aufgabe des Priesters, diesen heiligen Raum zu schützen. Wir alle sind in der Taufe zu Priestern und Priesterinnen gesalbt. Priester und Priesterinnen sind Hüter und Hüterinnen des Heiligen in uns selbst und in den Menschen. Das Heilige ist für die Griechen das, was der Welt entzogen ist, worüber die Welt keine Macht hat. Und für die Griechen vermag allein das Heilige zu heilen. Max Horkheimer, der Begründer der Frankfurter Schule und Star der 68-Generation, meinte einmal, die Religionen hätten die Aufgabe, das Heilige in dieser Welt zu hüten. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft. Denn jede Gesellschaft hat in sich totalitäre Tendenzen. Wir spüren heute diese totalitäre Tendenz sehr stark, da der Mensch und alles, was er tut, nur nach finanziellen Gesichtspunkten bewertet wird, in der alles kontrolliert und protokolliert werden, in der man den gläsernen Bürger möchte. Dagegen sollen wir als Priester und Priesterinnen das Heilige hüten, damit die Menschen frei atmen und ihre eigene unantastbare Würde spüren.

Jeder von uns Jubilaren, aber sicher auch jeder von Ihnen, liebe Brüder und Schwester, hat in der Schule Jesu etwas von diesen 4 Haltungen gelernt. Wir haben uns gebunden, angebunden an etwas Größeres. Wir haben in unserem Leben viele Erfahrungen gesammelt. Jeder ist auch in die eigene Tiefe geraten, manchmal auch unfreiwillig. Und wir haben etwas von der inneren Ruhe erfahren. Das Ziel der Schule – so sagt der griechische Philosoph Plato – ist, dass wir uns gute Bilder einbilden. Das Herz-Jesu-Fest lädt uns ein, uns das Bild des durchbohrten Herzens einzubilden, damit unser Herz aufgebrochen wird und wir in Berührung kommen mit der inneren Quelle der Liebe, die auf dem Grund unseres Herzens strömt. Wir Jubilare dürfen vertrauen, dass das Bild, das wir über dem Hochaltar unserer Kirche täglich anschauen, das offene Herz des Gekreuzigten, sich in uns eingebildet hat, so dass die Quelle der göttlichen Liebe trotz unserer Brüchigkeit oder gerade wegen unserer Gebrochenheit aus unserem  Herzen zu den Menschen geströmt ist.

In dieser Eucharistie wird der Priester sagen: „Jesus nahm das Brot, segnete es, brach es und gab es seinen Jüngern.“ Wir alle haben die Liebe Gottes und die Liebe unserer Eltern und vieler Brüder und Schwestern genommen. Wir sind gesegnet und wir sind auch gebrochen. Gerade als gesegnete und gebrochene Menschen sind wir fähig, andern zu geben und zum Segen für sie zu werden. So wünsche ich Ihnen, liebe Brüder und Schwestern, dass Sie im Blick auf das durchbohrte Herz Jesu sich immer mehr aufbrechen lassen, so dass aus der Quelle Ihres aufgebrochenen Herzens Gottes Liebe zu den Menschen fließt und Sie so als gesegnete und gebrochene Menschen zum Segen werden für viele. Amen.

Aber durch all diese Erfahrungen lernen wir den Weg, in der Nähe Jesu zur Ruhe zu kommen, dankbar zu genießen, was er uns in unserem Leben geschenkt hat, und dankbar aus unserem Herzen fließen zu lassen, was wir täglich empfangen. Die Psychologen beschreiben den glücklichen Menschen als einen, bei dem etwas fließt. Das Herz Jesu ist ein Bild für einen Menschen, bei dem etwas fließt, aus dem Segen zu uns fließt. Wenn wir dieses Bild des durchbohrten Herzens Jesu immer tiefer in uns einbilden, dann werden wir auch Menschen, aus deren aufgebrochenen Herzen eine Liebe fließt, die nicht unser Verdienst ist, sondern die aus der Quelle der göttlichen Liebe strömt. Wer in der Liebe ist, der ist in Gott. Wer in Berührung ist mit der Quelle der Liebe auf dem Grund seiner Seele, der wird zu einem Menschen, so wie Benedikt sich den Mönch vorstellt: ein Mensch mit einem weiten Herzen, in dessen innerer Weite die Menschen mit ihren Sorgen und Problemen Platz haben, ein Mensch, der nicht bewertet und beurteilt, der die Menschen in sich wohnen lässt, damit sie aus der Quelle der göttlichen Liebe trinken und so selbst zu Menschen werden, von denen Gottes Segen ausströmt in diese Welt. Amen.

 
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