Predigt am 4. Adventssonntag

Der vierte Adventssonntag stellt Maria in den Mittelpunkt der Liturgie. Maria ist Vorbild unseres Glaubens und zugleich Urbild für uns erlöste Menschen. Die Künstler haben gerne die Verkündigungsszene gemalt, die wir im Evangelium nach Lukas gehört haben. Sie haben  dabei Maria in ihrer Wohnung dargestellt, wie sie in der Bibel liest. Der Engel kommt als leuchtendes Wesen in die Kammer und  ihr, dass all das, was sie in der Heiligen Schrift liest, an ihr in Erfüllung gehen wird. Maria lässt sich auf den Engel ein und so kann das Wort Gottes in ihr Fleisch annehmen. Es sind vier Bedingungen, dass das Wort in ihr Fleisch annehmen kann. Sie erschrickt. 1. Sie lässt sich betreffen vom Wort des Engels. 2. Sie denkt über den Gruß des Engels nach. Im Griechischen heißt es: dialogizeto. Sie führt einen Dialog mit dem Wort des Engels.  3. Sie fragt nach, wie die Botschaft des Engels Wirklichkeit werden sollte. Sie will verstehen, was sie glaubt. Sie nimmt den Glauben nicht einfach hin, sondern will ihn auch mit ihrem Verstand durchdringen. 4. Sie  stellt sich  Gott zur Verfügung. Auf den Hinweis des Engels, dass bei Gott kein Worte ohne Kraft ist, dass jedes Wort Gottes bewirkt, was es sagt, antwortet Maria: „Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“ Manche meinen, Maria habe sich klein gemacht mit diesem Wort. Doch dieses Wort zeugt von großem Selbstbewusstsein. Das Volk Israel hat sich als Knecht Gottes bezeichnet. Doch das Volk hat sich dem Wort Gottes verschlossen. Maria stellt sich nun stellvertretend für das Volk und in Solidarität mit dem Volk vor Gott und sagt: Ich bin die Magd, ich lasse mich auf  dein Wort ein.

Das, was in Maria geschehen soll, soll auch in uns geschehen. Wir sollen wie Maria uns vom Wort Gottes betreffen lassen, mit ihm einen Dialog führen, es verstehen wollen und uns schließlich darauf einlassen. Dann kann auch das Wort Gottes in uns Fleisch annehmen. Keiner von uns ist Mutter des leiblichen Jesus. Das ist nur Maria. Aber die Kirchenväter und Mystiker sprechen auch von der Gottesgeburt in jedem Menschen. Angelus Silesius hat das in das berühmte Wort gefasst: „Wir Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren.“ Doch was heißt Gottesgeburt im Menschen. Es ist ein Bild für eine Wirklichkeit, über die wir nur in Bildern sprechen können. Wenn Gott in uns geboren wird, dann kommen wir in Berührung mit dem einmaligen, unverfälschten und unberührten Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat. Dann finden wir zu unserem wahren Wesen. Und wenn Gott in uns geboren wird, haben wir teil an ihm. Dann sind wir wie Gott ursprünglich und authentisch. Das klingt so einfach. Aber es bedeutet, dass wir einfach sind, reines Sein sind  wie Gott. Ich erlebe so viele Menschen, die alles, was sie tun, immer rechtfertigen müssen, die immer etwas vorweisen müssen. Wenn sie sich einmal still hinsetzen, müssen sie es vor andern rechtfertigen. Wenn sie ein Buch lesen, müssen sie es begründen. Angelus Silesius sagt: Die Rose blüht, weil sie blüht. Es ist eine wunderbare Erfahrung Gottes, wenn wir einfach nur mal da sind, ohne uns rechtfertigen zu müssen. Das können wir von dem göttlichen Kind in der Krippe lernen. Es ist einfach nur da. Es lacht uns an. Es will nichts von uns. Es erklärt uns nichts. Es ist reines Sein. Wenn Gott in uns geboren wird, dann haben wir etwas von diesem göttlichen Kind an uns. Dann sind wir einfach nur da und freuen uns am reinen Sein.

Wenn Gott in uns geboren wird, hat das aber auch Auswirkungen auf unser Leben. Lukas erzählt uns, dass sich Maria unmittelbar nach der Verkündigung auf den Weg gemacht hat zu ihrer Verwandten Elisabeth. Ein Volkslied, das im Eichsfeld entstanden ist, besingt diesen  Gang Mariens.. Die Volksfrömmigkeit ist ja der Versuch, das, was in der Bibel beschrieben ist, konkret in unser Leben hinein zu übersetzen. Das Lied heißt: „Maria durch ein Dornwald ging“. Das ist ein Bild für unser Leben. Im Gleichnis vom Sämann, der seinen Samen aussäht, spricht Jesus auch von den Dornen, die den Samen des göttlichen Wortes ersticken können. Und die Dornen sind für ihn drei Bilder: Einmal ein Bild für die Sorgen dieser Welt, also für das ängstlichen Sorgen um die alltäglichen Probleme. Dann für die Liebe zum Reichtum, für die Gier, immer mehr zu haben. Und schließlich für  unsere Bedürfnisse und Leidenschaften, für unser Begehren nach Anerkennung und Erfolg. Die Dornen sind aber auch Bild für die Verletzungen und Wunden, die uns das Leben schlägt. Die Dornen stechen uns, sie verletzen uns. Wenn wir wie Maria Christus in uns tragen und durch den Dornwald unseres Lebens gehen, dann wandeln sich die Sorgen, sie verlieren das Bedrängende, sie wandeln sich in Vertrauen und Hoffnung. Unsere Liebe zum Reichtum wandelt sich in Liebe zum inneren Schatz, zu Christus in uns. Und unsere Leidenschaften und Begierden wandeln sich in Leidenschaft für Gott und in Sehnsucht nach Gott, der allein unsere Sehnsucht zu erfüllen vermag. Und die Wunden werden zu etwas Kostbarem verwandelt. Hildegard von Bingen meint, die Wunden würden in Perlen verwandelt. Und am Kreuz sehen wir, wie die Wunden Jesu vergoldet sind. Die Dornen werden in Rosen verwandelt. Die Rose ist Symbol für Liebe und Zuneigung. Die Wunden werden also in Liebe verwandelt. Die Wunden werden zum Einfallstor der Liebe Gottes. Aber die Wunden brechen mich dann auch auf für die Liebe, damit ich selbst fähig werde zur Liebe. In den Wunden blüht die Rose, blüht die Liebe auf.

Darum geht es jetzt in diesen Tagen vor Weihnachten, dass wir uns wie Maria auf das Wort Gottes einlassen, so dass es auch in uns Fleisch annehmen kann. Und wie Maria sollen wir das Wort Gottes, das in uns ist, wir sollen Christus durch den Dornwald unseres Lebens tragen, damit auch unsere Dornen in Rosen verwandelt werden. Aber der Dornwald steht nicht nur für die Dornen, die jeder mit sich trägt. Er steht auch für unsere Welt. Unsere Welt gleicht einem Dornwald. DA gibt es so viele Verletzungen, so viele Ängste, Sorgen, Nöte. Gerade heute erfahren wir unsere Welt als Dornwald. Wir brauchen nur die Zeitung lesen oder die Nachrichten hören oder im Fernsehen schauen. Wir feiern Weihachten nie nur für uns selbst, sondern immer auch für diese Welt. Wir feiern es stellvertretend für alle Menschen, die von Dornen zerstochen sind, und in Solidarität mit ihnen. Wenn wir wie Maria mit Christus in unserem Herzen durch den Dornwald unserer Welt gehen, dürfen wir vertrauen, dass durch uns heute Dornen in Rosen verwandelt werden, dass die Feindschaft sich in Frieden wandelt, der Schmerz in Hoffnung und die Härte und Kälte in Liebe. Amen.

 
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