Predigt von Pater Anselm Grün am 19. April 2015

PREDIGT am 3. Ostersonntag

Liebe Schwestern und Brüder!

Viele Menschen tun sich heute schwer, an die Auferstehung zu glauben. Sie haben viele rationale Argumente dagegen. Mit dem Tod ist alles aus. Alles andere ist Einbildung. Und sie verwässern die Auferstehung Jesu in die banale Deutung: Seine Sache geht weiter. Der Evangelist Lukas sah sich mit ähnlichen skeptischen Argumenten gegen die Auferstehung konfrontiert. Er wollte ja Jesus Christus den philosophisch gebildeten Griechen nahe bringen. Doch die griechischen Philosophen sahen den Tod als die Konsequenz des Menschseins, dem keiner entrinnen kann. Ihre einzige Lösung, mit dem Tod umzugehen, war, ihn zu verdrängen. Der Tod geht mich nichts an, denn im Tod bin ich nicht mehr. Als Paulus auf dem Areopag zu den stoischen Philosophen von der Auferstehung Jesu sprach, verspotteten sie ihn und sagten: "Darüber wollen wir dich ein andermal hören." (Apg 17,32)

Im heutigen Evangelium gibt Lukas den stoischen Philosophen, aber auch uns, die wir oft an der Auferstehung zweifeln, drei Antworten, in denen er philosophische Argumente der Stoa aufgreift und auf die Sehnsucht unserer Seele antwortet. Die Griechen konnten sich durchaus vorstellen, dass der Geist des Verstorbenen erscheint. Doch davor hatten sie Angst. Denn der Geist des Verstorbenen war meistens feindlich gesinnt. Er  wollte den Lebenden schaden oder sie an das schlechte Gewissen erinnern, was sie dem Verstorbenen gegenüber alles versäumt hätten. Daher erschrecken die Jünger, weil sie Angst haben vor dem Geist Jesu, der sie an ihr schlechtes Gewissen erinnern könnte, weil sie ihn am Kreuz allein gelassen hatten.

Die erste Antwort, die Jesus den Jüngern, aber letztlich auch den stoischen Philosophen gibt, ist: Ich bin ich selbst - ego eimi autos“. In der Stoa bezeichnet „autos“ den Personkern, das innere Heiligtum des Menschen, den inneren Bereich des Selbst, in dem Gott im Menschen wohnt. Lukas betont das Wort „autos“ sehr häufig. Damit weist er immer auf den Herrn hin. Christus ist „Er selbst“. 34 mal leitet Lukas einen Satz ein mit „kai autos“, während das bei Matthäus nie vorkommt. Auch in der Apostelgeschichte verwendet Lukas nie diese Wendung. Das zeigt, dass er sie auf Christus beschränkt. Wenn der Auferstandene nun sagt: „Ich bin es selber“, dann besteht darin die Antwort auf die Sehnsucht der stoischen Philosophie. In der Stoa sehnten sich die Menschen, frei zu werden von den Sorgen und Bedürfnissen dieser Welt. Sie wollten zu ihrem wahren Selbst vorstoßen, zum inneren Heiligtum, in dem sie von niemandem verletzt werden konnten.

Auferstehung heißt für Lukas, dass Jesus „er selbst“ geworden ist, dass er ganz rein sein Selbst lebt. Und Auferstehung heißt auch für uns,  ganz wir selbst zu werden, frei zu werden von den Oberflächlichkeiten des Alltags, frei zu werden von der Macht anderer Menschen, von ihren Erwartungen und Ansprüchen und Urteilen, aufzustehen vom Uneigentlichen zum Eigentlichen, Eintreten in das innere Heiligtum, in dem Gott in uns wohnt und in dem wir in Berührung kommen mit dem unverfälschten und unberührten Bild Gottes von uns. Dieses Selbst, das wir letztlich nicht mehr beschreiben können, kann durch den Tod nicht zerstört werden. Und dieses Selbst sagt, dass im Tod unsere Seele nicht aufgeht in einem anonymen Meer, sondern dass wir als Person zu Gott kommen.

Wir können eine Ahnung vom Geheimnis der Auferstehung bekommen, wenn wir uns einen ganzen Tag lang immer wieder einmal vorsagen: "Ich bin ich selbst." Das klingt sehr einfach. Aber wenn Sie sich das beim Aufstehen sagen, merken Sie, wie oft Sie sich von den Terminen des Tages bestimmen lassen und wie oft sie eine Rolle spielen. Sagen Sie sich den Satz, wenn Sie mit andern Menschen sprechen. Dann fühlen Sie sich auf einmal frei, den andern zu imponieren oder ihnen etwas vorzuspielen.

Wenn Sie ganz Sie selbst sind, dann brauchen Sie sich nicht zu beweisen, sich nicht zu rechtfertigen. Sie sind einfach da, ganz Sie selbst. Sie sind aufgestanden aus allen Rollen und Masken, aus allem Zwang, etwas darstellen zu müssen. Sie sind einfach Sie selbst. Dann erleben Sie, was Auferstehung im Sinn des Evangelisten Lukas bedeutet: frei zu sein, unabhängig zu sein von dem, was die Welt von uns hält. Durch die Auferstehung werden wir zu wahren Menschen, zu dem einmaligen Menschen, als den Gott uns geschaffen hat.

Die zweite Antwort, die Jesus auf unsere Zweifel an der Auferstehung gibt, lautet: "Betastet mich, fasst mich an!" Das griechische Wort „pselaphao = anfassen, berühren“ ist in der stoischen Philosophie beliebt. Lukas verwendet dieses Wort nur noch einmal, und zwar in der Areopagrede des Paulus, in der Paulus bewusst auf die Philosophie der Stoa antwortet: Die Menschen „sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.“ (Apg 17,27)  Weil Gott uns nicht fern ist, dürfen wir ihn nicht nur schauen, sondern berühren.

Wenn wir jetzt im Frühling eine Blume zärtlich berühren, die gerade aufgeblüht ist, dann betasten wir das Geheimnis der Auferstehung. In der Kommunion werden wir im Brot Christus selbst berühren. Er ist uns darin ganz nahe. Aber das  Wort sagt noch etwas anderes. Wenn wir ein gutes Gespräch führen, dem andern darin wirklich begegnen, sagen wir: Ich berühre den andern. Ich bin in Berührung gekommen mit ihm. Und in dieser Berührung rühren wir letztlich an das Geheimnis des Menschen, aber auch an das Geheimnis der Auferstehung. Viele Menschen weichen dieser Berührung aus. Und ein Weg, der Berührung auszuweichen, ist, sich eine Theorie zurecht zu zimmern. Wenn ich mir über einen Menschen eine Theorie mache, z. B. über seine Krankheit, über seinen Charakter, dann stelle ich die Theorie zwischen ihn und mich. Ich weigere mich, mit ihm in Berührung zu kommen. Und so gibt es auch Menschen, die sich von Gott, vom Tod, vom Leben ein Theorie machen, um dem Leben auszuweichen. Auferstehung erfahre ich nur, wenn ich in Berührung komme und mich berühren lasse. Dann rühre ich an das Geheimnis, das auch den Tod überdauert.

Die dritte Antwort, die Lukas der griechischen Philosophie gibt, ist die Öffnung des Verstandes. Lukas spricht in seinen Auferstehungsgeschichten von einer vierfachen Öffnung. Das Grab wird geöffnet. Dann öffnet Jesus den Emmausjüngern die Augen, so dass sie ihn sehen. Und Jesus öffnet den Jüngern die Schrift, erschließt ihnen den Sinn der Schrift. Und Jesus öffnet den Jüngern den "nous", den Verstand. "Nous" meint aber mehr als die Ratio, er bezeichnet die Personmitte, das Denkvermögen.

Wenn wir richtig denken, dann bekommen wir Einsicht in den Sinn der Heiligen Schriften. Dann erkennen wir, dass die Heilige Schrift vom Geheimnis der Auferstehung spricht. Auferstehung ist nicht etwas ganz und gar Fremdes. Jesus zeigt den Jüngern, dass die Auferstehung die Erfüllung dessen ist, was in den 5 Büchern Mose, was bei den Propheten und was in den Psalmen steht. Das heißt nicht, dass die Bibel wie ein Computerprogramm ist, das dann im Leben Jesu abläuft. Erfüllung meint vielmehr, dass alles, was die Bibel von Gottes heilendem und rettendem Wirken erzählt, in Tod und Auferstehung Jesu seine Erfüllung, seine Vollendung findet. Mit dem Wort „Erfüllung, Vollendung, Vollwerden“ drückt Lukas aus, dass Jesu Tod und Auferstehung alles Handeln Gottes zusammenfasst, das uns die Bibel beschreibt, dass Gott uns aus der Grube heraus führt, dass er uns von aller Bedrängnis befreit, dass er unsere  Fesseln löst, dass er unsere Dunkelheit erleuchtet.

Tod und Auferstehung Jesu zeigen, dass es nichts gibt, was Gott nicht wenden und verwandeln kann. Es gibt keinen Tod, der nicht ins Leben verwandelt werden kann, keine Dunkelheit, die nicht hell werden, keine Angst, die nicht zu Vertrauen werden, keine Trostlosigkeit, die nicht getröstet werden kann, keine Verlassenheit, die nicht in Geborgenheit und keine Verzweiflung, die nicht in Hoffnung verwandelt werden kann.

Das Geheimnis der Auferstehung geht über unseren Verstand hinaus. Aber - so antwortet uns Lukas  auf unsere Zweifel - wenn unser Verstand, unsere Vernunft, unser Herz erleuchtet und geöffnet wird, dann versteht er das Geheimnis der Auferstehung. Die Auferstehung widerspricht nicht unserem Verstand, unserem Glauben und unserer Sehnsucht. Auferstehung rührt vielmehr unsere tiefste Sehnsucht nach, dass der Tod nicht das letzte Wort ist, dass die Liebe stärker ist als der Tod und dass wir einander wieder sehen werden, dass wir - wie Lukas sagt - einander betasten und greifen und so das Geheimnis der Auferstehung erfassen und begreifen werden.

Wir feiern jetzt in dieser Eucharistiefeier das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu. Bitten wir, dass Jesus unser Herz und unseren Verstand öffnet und erleuchtet, damit wir begreifen, was wir feiern, dass wir uns vom Geheimnis der Auferstehung berühren und ergreifen lassen, so dass alle theoretischen Absicherungssysteme in uns zusammen brechen und wir aufgebrochen werden für das Geheimnis, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass unser wahres Selbst in Christus den Tod überwindet und wir den Auferstandenen einmal wirklich betasten und begreifen werden.

Amen.

 
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