Predigt von Pater Anselm Grün am 30. August 2015

PREDIGT am 22. Sonntag im Jahreskreis zu Mk 7,1-8.14f.21-23

Es ist durchaus sinnvoll, sich vor dem Essen die Hände zu waschen und achtsam auf das zu achten, was ich esse. Aber Jesus sieht darin die Gefahr, dass es nur noch um das äußere Tun geht, um saubere Hände und  saubere Nahrung. Doch Jesus geht es um das reine Herz. Im Herzen entscheidet sich, ob ein Mensch rein oder unrein ist. Die äußeren Dinge können unser Herz, unsere Personmitte, nicht wirklich verunreinigen. Alles, was von außen in uns eindringt, kann wieder ausgeschieden werden. Aber das, was von innen nach außen kommt, das kann uns verunreinigen.

Aus dem Herzen - so sagt Jesus - kommen die bösen Gedanken. Jesus zählt 12 Gedanken auf, die unser Herz verunreinigen, Zwölf ist die Zahl der Gemeinschaft. Es geht also darum, dass diese bösen Gedanken die Gemeinschaft gefährden und beschmutzen. Doch jeder von uns kennt in seinem Herzen solche negativen Gedanken wie Neid und Habgier, Hinterlist und Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. Sind wir also alle unrein?

Um die Worte Jesu richtig zu verstehen, möchte ich eine Einsicht der frühen Wüstenväter zitieren. Die Mönche in der Wüste kannten sich aus mit den negativen Gedanken und Leidenschaften, die in unserem Herzen hausen. Doch sie sagen: Wir sind nicht verantwortlich für die Gedanken, die in uns auftauchen, sondern nur dafür, wie wir damit umgehen. Zur Ehrlichkeit gehört es, anzuerkennen, dass in jedem von uns negative Gedanken sind. Die Frage ist, wie wir mit diesen bösen Gedanken und Emotionen umgehen.

In der christlichen Tradition gibt es zwei Bilder, um mit den Leidenschaften in uns umzugehen. Diese beiden Bilder werden repräsentiert vom hl. Georg und von der hl. Margarete. Der hl. Georg tötet den Drachen. Das ist ein Bild dafür, dass wir manche destruktiven Gedanken aus uns heraus werfen müssen. Manches lässt sich nicht integrieren. Wenn wir unseren Rachgelüsten nachgehen, so schaden wir uns selbst. Solche Rachephantasien oder Mordphantasien müssen wir einfach wie der hl. Georg mannhaft aus uns heraus werfen und uns von ihnen befreien. Wir müssen ihnen eine Grenze setzen.

Die hl. Margarete zähmt den Drachen. Sie wird oft dargestellt, wie sie den Drachen einem einen kleinen Band herumführt. Der Drachen ist ganz zahm und gehorcht ihr. Manchmal reitet Margarete auch auf dem Drachen. Der Drachen verleiht der Frau neue Kraft. Diesen zweiten Weg nennen wir den Weg der Verwandlung. Ich möchte nur ein Beispiel für die Verwandlung anführen: die Verwandlung des Neids.

Neid kennt jeder von uns. Ob wir wollen oder nicht, es taucht in uns Neid auf. Wir sind neidisch auf den Bruder oder die Schwester, die mehr Erfolg haben als wir. Wir sind neidisch auf den Arbeitskollegen, der beliebter ist als wir. Wir sind neidisch, wenn ein anderer gelobt wird, wir aber nicht, wenn ein anderer im Mittelpunkt steht und wir übersehen werden. Wir sind neidisch, wenn dem andern mehr gelingt als uns, obwohl wir uns mehr anstrengen.

Wenn wir den Neid ausleben, vergiften wir die Gemeinschaft. Wenn wir den Neid unterdrücken, wird er sich trotzdem zeigen. Wie der Volksmund sagt, werden wir ganz gelb vor Neid. Unsere Haut zeigt dann doch unsere neidische Ausstrahlung. Wie können wir unseren Neid verwandeln?

Ich möchte vier Wege der Verwandlung beschreiben. Den ersten Weg beschreibt uns die Sprache. Das lateinische Wort für Neid ist invidia, da kommt von videre: In ist die Verfälschung, so wie die deutsche Präposition "un". Es ist etwas unsinnig, unmöglich. Neid ist also ein Un-Sehen, die Verfälschung des Sehens. Im griechischen Text steht hier "ophtalmos oneros = das böse, das schlechte Auge". Wer alles mit einem bösen Auge ansieht, der wird selbst unansehnlich. Wir sollen also das böse Auge in ein gutes verwandeln. Das geschieht, wenn wir den andern anschauen, ohne zu bewerten, wenn wir das Schöne und Gute in ihm sein lassen und es bestaunen.

Der zweite Weg besteht darin, dass ich meinen Neid zugebe. Dann werde ich hinter meinem Neid meine Bedürftigkeit, meinen Mangel erkennen. Ich möchte auch so sein wie der oder jene, ich möchte das haben, was der oder jene hat. Ich möchte so im Mittelpunkt stehen wie der oder jene. Ich gestehe mir meine Bedürftigkeit ein und halte sie Gott hin. Das verlangt Demut: Ja, trotz aller Spiritualität bin ich neidisch, bin ich bedürftig. Aber ich kreise nicht um meine Bedürftigkeit, sondern lasse Gottes Liebe in meinen Neid und in meine Bedürftigkeit hineinfließen. Das verwandelt langsam meinen Neid in einen Ort der Begegnung mit Gott.

Der dritte Weg: Ich stelle mir all die Menschen vor, auf die ich neidisch bin. Und ich frage mich: Wenn ich das hätte, was jener oder jene hat, wenn ich so wäre wie die oder der, wenn ich so im Mittelpunkt stünde wie der oder jene, wäre ich dann glücklich? Kann all das, worauf ich neidisch bin, wirklich meine Sehnsucht erfüllen? Indem ich meinen Neid zu Ende denke, erkenne ich langsam, was mich wirklich trägt. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich alle die Eigenschaften besitze, auf die ich bei andern neidisch bin, bin ich dann noch ich selbst? Oder wäre ich dann ein Monster, ein Konstrukt, aber kein lebendiger Mensch? Indem ich den Neid zulasse und zu Ende denke, kann er sich in Dankbarkeit wandeln. Ich bin dankbar für mich und für mein Leben. Ich danke Gott, dass er mich als diesen einmaligen Menschen geschaffen hat. Und ich höre auf, mich mit andern zu vergleichen.

Der vierte Weg der Verwandlung: Ich  bin neidisch auf Eigenschaften im andern, die auch in mir sind, die ich aber nicht genügend entwickelt habe. So verwandle ich den Neid in einen Motor, an mir zu arbeiten, das Potential zu entfalten, das Gott in meine Seele gelegt hat.

Die Voraussetzung, dass die bösen Gedanken verwandelt werden können, ist, dass wir sie nicht bewerten. Alles, was wir bewerten, was wir in uns verurteilen, bleibt in uns hängen. Es bedarf der Demut, sich einzugestehen, dass diese bösen Gedanken in mir sind. Dann kann ich sie Gott hinhalten und mir vorstellen, dass Gottes Liebe sie durchdringt und verwandelt.

Jetzt in der Eucharistie feiern wir Verwandlung, nicht nur die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, sondern auch die Verwandlung unseres Lebens. In den Gaben von Brot und Wein halten wir unser Leben mit all den Emotionen, die in uns sind, Gott hin, damit er unser inneres Chaos in etwas Heilsames verwandelt, dass er uns böses Auge in ein gutes verwandelt, unseren Neid in Dankbarkeit, unsere Gier in Sehnsucht, unsere Bosheit in Güte. Wir bitten Gott, dass seine Liebe, die sich im Tod und in der Auferstehung Jesu als verwandelnde Liebe gezeigt hat, alles in  uns durchdringt und alles Unreine in unserem Herzen in etwas Reines verwandelt.
Amen.

 
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