Predigt zu Dreikönig 2012

DREIKÖNIGSPREDIGT 2012

Die Weisen ziehen aus, um das Kind in der Krippe zu suchen und anzubeten. Sie bekennen, dass in diesem Kind in der Krippe die Weisheit von Ost und West verkörpert ist, dass dieses Kind den Menschen auf der ganzen Welt einen Weg zeigen wird, wie das Leben gelingt. Schon im Mittelalter hat man die Magier jedoch als Könige bezeichnet. Damit hat man das biblische Geschehen gedeutet. Man verstand die drei Könige, einen alten, mittelalterlichen und jungen, oft auch einen schwarzen, als Bild für unsere Menschwerdung. Alles soll durch die Begegnung mit Jesus Christus verwandelt und in unser Menschsein integriert werden. Doch die Volksfrömmigkeit hat das auch sozialkritisch gesehen. Sie hat im Bild der drei Könige den Kirchenfürsten, den weltlichen Königen und den aufkommenden Wirtschaftsführern ein Spiegelbild hingehalten, wie sie ihre Macht ausüben sollten. Die Kirche hat die revolutionäre Sprengkraft dieser Deutung nie verstanden. Sie hat bis heute noch keine Theologie der Macht entfaltet. Deshalb hat sie immer noch große Probleme im Umgang mit der Macht.

König ist einer, der Verantwortung übernimmt in der Welt. Und so gilt diese Deutung mittelalterlicher Volksfrömmigkeit nicht nur die Politiker, Kirchenoberen und Wirtschaftsführer, sondern für jeden Vater, jede Mutter und jeden, der in seinem Bereich Verantwortung ausübt. Die Geschichte erzählt uns nicht nur von den Drei Königen, sondern von fünf. Da ist neugeborene König, Jesus, der als hilfloses Kind in der Krippe liegt. Es ist das Urbild des wahren Königs. Er ist zu uns herabgestiegen, um uns aufzurichten. Er ist – wie Paulus sagt – für uns arm geworden, um uns reich zu machen. Er ist König der Herzen. Er macht uns alle zu Königen und Königinnen. Er verkündet uns die Königsherrschaft Gottes, das Reich Gottes, das in uns ist. Wenn Gott in uns herrscht, dann werden wir nicht von unseren Bedürfnissen oder von den Erwartungen der Menschen beherrscht, dann werden wir wahrhaft frei, dann werden wir königliche Menschen, die von niemandem beherrscht werden.

Dagegen steht das negative Bild des Königs: Herodes. Er ist grausam, unberechenbar, misstrauisch, verschlagen. Er muss andere klein machen, um an seine Größe glauben zu können. Ja er muss sogar die Kinder töten, weil er Angst hat, sie könnten durch ihr bloßes Dasein seine Herrschaftsideologie verunsichern. Herodes steht heute für Politiker, denen es nur um den eigenen Machterhalt geht und nicht um das Wohl des Volkes. Sie benutzen alle Tricks, nur um an der Macht zu bleiben.

Und dann sind die drei Könige, die von weit her kommen, um den neugeborenen König anzubeten. Sie lernen vom Kind in der Krippe, wie sie im Geist Jesu mit ihrer Verantwortung und Macht ausüben sollen. Sie stehen dabei für die Macht der Politiker, die Macht in der geistlichen Führung und die wirtschaftliche Macht. Es verweisen uns auf drei Schritte, um Verantwortung zu lernen und mit der Macht gut umzugehen. Der erste Schritt: Sie machen sich auf den Weg. Sie ziehen aus aus ihren Rollen der Macht. Sie lassen alle äußeren Zeichen der Macht los. Auf ihrem langen Weg begegnen sie ihrer eigenen Wahrheit. Als Menschen, die sich selbst begegnet sind und um das Geheimnis des Menschen wissen, wollen sie ihre Macht ausüben. Der zweite Schritt. Sie fallen vor dem Kind in der Krippe nieder. Dieses Niederfallen macht sie nicht klein, sondern zeigt ihre wahre Größe. Die drei Könige zeigen, dass uns unsere Macht nur von Gott gegeben worden ist. Wer sich vor Gott beugt, der verzichtet darauf sich wie ein Gott aufzuspielen, der alles weiß und über alles verfügen kann. Wer die Macht Gottes über sich anerkennt, der wird auch inbezug auf die Menschen angemessen mit seiner Macht umgehen.

Der dritte Schritt: Die drei Könige bringen Gaben. In ihren Gaben zeigen sie, wie sie ihre jeweilige Macht ausüben wollen. Nach den Fürbitten werden Abt Michael, der geistliche Leiter der Abtei, Herr Lothar Nagel, der Bürgermeister der politischen Gemeinde Schwarzach und ich, als Cellerar, der für das Geld der Abtei verantwortlich ist, die Zeichen ihrer Macht und die Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe an die Krippe bringen, um zu zeigen, wie wir unsere Verantwortung verstehen.

Der Abt als geistlicher Vorsteher der Abtei wird Weihrauch an die Krippe legen.  Weihrauch steht einmal für die Sehnsucht nach Gott. Aber Weihrauch hat auch eine heilende Wirkung, wie es die heutige Medizin erneut festgestellt hat. Geistliche Führung - so beschreibt es Benedikt in seiner Regel – heißt nicht, Macht über Menschen auszuüben, sondern in ihnen die Sehnsucht nach Gott zu wecken und die Sehnsucht wach zu halten, dass sie ihr Leben lang Gott suchen. Und der Abt – so sagt Benedikt – soll sich immer als Arzt verstehen, der die Wunden der kranken und schwachen Mönche heilt und sie auf ihrem Weg zu Gott stärkt.

Der Bürgermeister wird die Myrrhe an die Krippe legen. Myrrhe ist eine bittere Medizin, die aus Balsamgewächsen gewonnen wird. Und sie gilt als Kraut, das im Paradies wächst. Mit diesen beiden Bildern wird das Amt eines Bürgermeisters gut beschrieben. Er soll dafür sorgen, dass die Menschen in der Gemeinde friedlich miteinander leben und so ein Licht vom Paradies auf das Miteinander fällt. Aber die Medizin schmeckt bitter. Er muss manchmal bittere Maßnahmen treffen, damit das Miteinander für alle auf Dauer möglich wird. Ein Politiker, der nur süße Medizin verspricht, lullt die Bürger ein. Es braucht auch den Mut zum bitteren Geschmack, zu Maßnahmen, die nicht jedem sofort schmecken. Das Ziel dieser bitteren Medizin ist, dass die Politiker für ein Miteinander der Menschen sorgen, das im Einklang mit der Schöpfung und im Frieden mit allen Völkern bleibt. Dabei geht es immer auch darum, die Wunden zu heilen, die maßlose Bedürfnisse und Wünsche einzelner der Gemeinschaft der Menschen und Völker zugefügt haben.

Als Cellerar werde ich das Gold an die Krippe legen. Gold steht für das Geld. Geld kann wie Gold unsern Blick blenden. Wir sehen dann nur noch Geld und werden geldgierig. Alles dreht sich nur noch um das Geld. Das ist eine Tendenz, die wir heute in unserer Gesellschaft nur zu gut kennen. Alles wird nach ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt, so gar jedes Gespräch einer Krankenschwester oder eines Arztes mit dem Patienten wird finanziell  beurteilt. Indem ich das Gold an die Krippe lege, möchte ich ausdrücken, dass Geld den Menschen zu dienen hat. Das arme Kind in der Krippe steht gerade für die Armen, denen das Geld eine Lebensgrundlage schaffen soll. Und Geld muss man immer wieder loslassen, damit es nicht über uns herrscht. Geld darf nie an die Stelle Gottes gesetzt werden. Sonst wird es zum Götzen, der uns versklavt. Nur wenn wir das Geld dem zurückgeben, der es uns zur Verfügung gestellt hat, gehen wir angemessen damit um.

Heute beklagen Soziologen, dass immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und den Kopf hinzuhalten. Lieber bleiben sie Zuschauer und wissen als Zuschauer immer genau, wie die Akteure handeln sollten. Vielleicht hat das Mittelalter die Magier zu drei Königen umgewandelt, weil es auch damals schon die Frage war, wie wir angemessen mit Macht umgehen, mit geistlicher Macht, mit politischer und wirtschaftlicher Macht. Nur wenn die Macht den Menschen dient, wenn sie die Wunden heilt, die Menschen miteinander verbindet und wenn sie in ihnen die Sehnsucht nach dem ganz anderen, nach Gott weckt, üben sie ihre Macht so aus, wie sie der Bibel entspricht. Diese Botschaft gilt für uns alle. Jeder hat an seinem Platz auch Verantwortung inne und prägt diese Welt mit. Dabei übt jeder – als Vater, Mutter, an seinem Arbeitsplatz, als Vereinsmitglied, als Glied der politischen oder kirchlichen Gemeinde – sowohl geistliche, weltliche und wirtschaftliche Macht aus. Und mit dieser Macht gestalten wir diese Welt.

Dabei wirken alle drei Mächte zusammen. Wenn der geistliche Begleiter die Sehnsucht nach Gott in der Gesellschaft wach hält, dann hat das – so sagt Max Horkheimer, der Star der 68-Generation – eine humanisierende Wirkung auf die Gesellschaft. Denn die Gesellschaft hat heute totalitäre Züge. Sie möchte immer mehr über den Menschen bestimmen, sie möchte den gläsernen Bürger, alles kontrollieren und protokollieren. Und umgekehrt hat auch die wirtschaftliche und politische Macht eine spirituelle Dimension. Aufgabe der Wirtschaft ist es nicht nur, Dinge zu produzieren, sondern eine Kultur des miteinander Lebens und Arbeitens zu schaffen, die den Menschen gut tut. Und die Aufgabe der Politiker ist, durch die bittere Medizin der Myrrhe die Menschen zusammen zu führen, ein friedliches Miteinander zu schaffen. In all diesen drei Verantwortungen lassen wir den Geist Jesu Christi in diese Welt strömen. Das Fest Dreikönig lädt uns alle ein, unsere Verantwortung wahrzunehmen und durch die Art und Weise, wie wir in dieser Welt wirken, Christi Geist in diese Welt strömen zu lassen. Durch unsere Verantwortung soll das Reich Gottes in unserer Welt sichtbar werden. Wir sollen dazu beitragen, dass diese Welt heller, wärmer und menschlicher wird. Amen.

Anselm Grün OSB

 
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