Predigt von Pater Anselm Grün über das Gleichnis vom Sämann (Mt 13)


Predigt über Mt 13,1-9

Wie wir uns erleben, das hängt von den inneren Bildern ab, die wir in uns tragen. In Gesprächen höre ich oft, dass es Menschen schlecht geht. Wenn ich nach dem Grund frage, so liegt er häufig darin, dass die Bilder, die sie von sich und vom Leben haben, nicht übereinstimmen mit der Realität. In den Gleichnissen will Jesus uns von krankmachenden Bildern befreien und uns heilende Bilder anbieten. Im heutigen Evangelium lädt uns Jesus ein, in die eigene Seele zu schauen und die Bilder zu entdecken, die uns daran hindern, dass unser Leben gelingt. Und er zeichnet uns ein Bild der Hoffnung, dass unser Leben aufblüht und Frucht bringt.

Im heutigen Gleichnis erzählt uns Jesus vom Säman, der Samen aussät. Es ist ein Bild aus der Landwirtschaft, das jeder versteht. Und wir benutzen das Bild der Saat, wenn der Lehrer hofft, dass die Saat, die er in der Schule aussät, bei seinen Schülern irgendwann Frucht bringt. Die Eltern hoffen darauf, dass das, was sie gesät haben, nicht umsonst ist, auch wenn sie manchmal noch nicht sehen, ob ihre Erziehung Früchte getragen hat. Jesus nimmt dieses Bild der Aussaat für seine Verkündigung. Sein Wort möchte in uns aufgehen und Frucht bringen. Doch Jesus beschreibt auch drei Hindernisse, die jeder in sich mehr oder weniger vorfindet. Diese Hindernisse halten das Wort Jesu, aber auch gute Worte, die andere Menschen zu uns sprechen, ab, tief in unsere Seele einzudringen und Frucht zu tragen.

Ein Teil des Samens fällt auf den Weg. Auf dem Weg können die Samenkörner nicht in die Erde eindringen. Der Weg ist ein Bild für unsere Geschäftigkeit. Wir trampeln vor lauter Aktivitäten unsere Seele zu. Wir sind so beschäftigt mit äußeren Dingen, dass das Wort Jesu keine Chance hat, uns zu berühren. Wir leben nur an der Oberfläche, ohne nach innen zu schauen. Die Vögel des Himmels fressen den Samen auf. Die Vögel stehen für die vielen Gedanken, die in uns herumflattern. Vor lauter Gedanken, die wir uns ständig beschäftigen, ist es dem Wort Gottes unmöglich, in unser Herz zu gelangen.

Ein anderer Teil des Samens fällt auf felsigen Boden. Der felsige Boden ist Bild dafür, dass das Wort Gottes nur in die Oberfläche in uns eindringt, nur in den emotionalen Bereich. Da sind wir schnell  begeistert. Aber die Tiefe des Herzens bleibt unberührt davon. Der Samen kann keine Wurzeln ausbilden. Unser Glaube braucht Wurzeln. Die Wurzeln unseres Glaubens sind die Glaubenserfahrungen unserer Eltern und Großeltern, unserer Vorfahren. Wir sollen in die Tiefe unserer Lebensgeschichte vordringen. Dort werden wir die Wurzeln unseres Glaubens entdecken. Daniel Hell, ein Schweizer Psychiater, meint, die Wurzellosigkeit sei einer der vielen Gründe für Depression. Wenn wir zu den Wurzeln unseres Glaubens vordringen, kann das Wort Gottes in uns Frucht bringen. Wenn wir hier in der Abteikirche sitzen, können wir uns vorstellen, an dem Glauben teilzuhaben, der die Mönche, die hier seit 80 Jahren gebetet und Gott gesucht haben, getragen hat. Oder wir können uns vorstellen, dass hier an diesem Ort schon seit 1200 Jahren Mönche gebetet haben. Dann haben wir teil an ihrem Glauben. Dann bekommt unser Glaube Wurzeln. Dann wird er offen für das Wort Gottes, das auch in uns Wurzel schlagen kann. Die Wurzeln lassen den Baum nicht verdorren, wenn es auch mal trocken wird in unserem geistlichen Leben, in unserem Beten.

Ein Teil des Samens fällt unter die Dornen. Jesus selbst deutet die Dornen als quälende Sorge und als Sorge dieser Welt. Wir machen uns ständig Sorgen um die Zukunft, um unsere Gesundheit, um unsere Finanzen. Doch es gibt auch die gute Fürsorge der Mutter für ihr Kind. Wir Deutschen haben nur ein Wort für die gute und für die quälende Sorgen. Die Griechen kennen zwei Worte. Jesus spricht hier von "merimna". Merimna bezeichnet die Sorge voller Angst und Kummer, die Angst ums Dasein. Meletan dagegen ist die liebende Sorge der Eltern für ihre Kinder. Sie bedeutet: ein Herz für andere haben. Der Samariter hat ein Herz für den Mann, der unter die Räuber gefallen ist, und sorgt für ihn. Es gibt Menschen, die nicht von ihren quälenden Sorgen frei werden. Sie sind nicht offen für die Botschaft Jesu, für die Worte der Hoffnung und Zuversicht. Die vielen Sorgen ersticken die Saat. Das Wort Gottes kann in ihnen nicht aufgehen. Die Dornen, die stechen, sind aber auch ein Bild für die Verletzungen, die wir erlebt haben. Manche kreisen ständig um die Wunden ihrer Vergangenheit. Auch da hat das Wort Jesu keine Chance, einzudringen. Die Wunde könnte durchaus ein Einfallstor werden für das Wort Jesu. Doch wenn wir in unseren Wunden wühlen, uns ständig bedauern, dass andere uns so tief verletzt haben, dann verschließen wir uns der Verwandlung, die das Wort Gottes in uns bewirken möchte.

Ein anderer Teil des Samens aber fällt auf das fruchtbare Erdreich. Und dort bringt er reiche Frucht, hundertfach, sechzigfach, dreißigfach. Das fruchtbare Erdreich ist für die Kirchenväter der Grund unserer Seele. Das Wort Jesu soll durch all unsere Emotionen und Leidenschaften hindurch dringen bis in den Grund der Seele. Dort wird es aufblühen. Dieser Grund der Seele, dieses fruchtbare Erdreich ist in jedem von uns. Jesus will uns mit den ersten drei Bildern zur Gewissenserforschung mahnen, wo wir unsere Seele zugetrampelt haben, wo wir das Wort Gottes nur in unsere Emotionen hineinlassen, aber nicht in den Grund der Seele, und wo unsere Sorgen die Saat ersticken. Mit dem vierten Bild aber will er uns Hoffnung machen. Das Wort Jesu wird auch in uns Frucht  bringen. Matthäus denkt hier einmal an den Zusammenhang von Hören und Tun. Das Wort Jesu bringt in uns Frucht, wenn wir tun, was wir hören. Aber für mich scheint in diesem Bild noch etwas anderes auf:  Lebendigkeit und Fruchtbarkeit sind Zeichen echter Spiritualität. Wer sich von Gott verwandeln lässt, der zeichnet sich durch Fruchtbarkeit aus, von dem geht Lebendigkeit aus, Phantasie und Kreativität. Die heutige Psychologie hat zwei Bilder für das Gelingen des Lebens: Flow, das Flowgefühl, wenn das Leben fließt, wenn alles im Fluss ist. Und flourish, das Blühen. Das Leben blüht auf und macht uns und den andern mit dem Blühen Freude.

Jesus denkt nicht in den Kategorien von Leistung oder von Geboterfüllung. Für ihn zeigt sich der vom Wort Gottes erfüllte Mensch als ein Mensch, der aufblüht, der Frucht bringt, der für andere zum Segen wird. Dort wo wir lebendig sind, wo wir leidenschaftlich etwas tun, wo das Leben in uns fließt, dort hat uns das Wort Jesu erreicht. Dort blüht das Wort Jesu in uns auf, selbst wenn wir diese Lebendigkeit nicht mit dem Wort Jesu in Verbindung bringen. Wir kommen in der Lebendigkeit dennoch Jesu Geist nahe. Wer dagegen ständig nur auf seine Fehler starrt oder aber darauf sieht, ob er alle Gebote erfüllt hat, der hat die befruchtende Wirkung der Worte Jesu nicht verstanden, der hat das Geheimnis Jesu nicht erfasst.

Wir erleben den Same, den Jesus ausstreut, in dieser Eucharistiefeier nicht nur als sein Wort, das wir hören. In der Kommunion nehmen wir das fleischgewordene Wort Gottes in uns auf, damit es alles in uns durchdringt. Wir nehmen Jesus als den Samen in uns auf, mit seiner Liebe, mit seiner Ausstrahlung, mit seiner Klarheit und Kraft, mit seiner Zuversicht und Hoffnung. Wenn dieser Same in uns aufgeht und unser Leben zum Blühen bringt, dann wir das Himmelreich, das Reich Gottes in uns sichtbar. Wenn Gott in uns herrscht und wir nicht mehr beherrscht werden von unseren Bedürfnissen oder von den Erwartungen der Menschen, dann trägt unser Leben Frucht und wir werden zum Segen für viele. Amen.

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