Predigt von Pater Anselm Grün zum 1. Adventssonntag

Predigt am 1. Adventsonntag

Im Advent feiern wir das Kommen Jesu vor 2000 Jahren. Und wir erwarten sein Kommen in jedem Augenblick unseres Lebens und wir erwarten sein Kommen am Ende der Welt. Am 1. Adventssonntag hören wir immer die apokalyptische Rede Jesu. Die passt so gar nicht zu unseren deutschen Vorstellungen vom Advent als der romantischen Zeit, in der wir uns an unsere Kindheit erinnern. Apokalyptische Texte wollen durch Visionen das Geheimnis Gottes und das Geheimnis des Menschen enthüllen. Und sie kreisen immer um das Thema schreckliches Ende und herrlicher Anfang.

Viele deuten die Beschreibungen des dramatischen Endes kosmisch. Der Kosmos wird zugrunde gehen. Andere deuten die Texte geschichtlich. Sie schauen heute nach Zeichen aus, dass die Welt untergehen wird. Doch Jesus sagt, dass niemand die Stunde des Endes kennt. Für jeden von uns ist die Welt zu Ende, wenn wir sterben. Da ist dann für jeden das Ende der Welt. Eine Sterbebegleiterin erzählte mir, sie spürt, dass beim Nahen des Todes genau das geschieht, was Jesus im heutigen Evangelium beschreibt. Da verfinstert sich die Sonne und die Sterne fallen vom Himmel. Und alle Kräfte werden erschüttert. Da geht der Mensch durch Dunkelheit und Kraftlosigkeit hindurch, um dann im Tod aufgenommen zu werden in die Herrlichkeit Gottes. Der Tod ist für jeden von uns das Ende der Welt. Insofern ist die Rede Jesu für uns alle hoch aktuell. Denn der Tod ist immer nahe für uns. Er kann immer kommen. Und keiner kennt die Stunde.

Aber wir können die Worte Jesu auch als Bild deuten für das Kommen Jesu in jedem Augenblick. Wir denken oft, wenn Jesus kommt, dann erfüllt er mich mit innerem Frieden und Freude. Doch das Kommen Jesu kann uns genauso erschüttern, wie Jesus das für sein Kommen in Herrlichkeit beschreibt. Wenn Jesus kommt, kommt er anders, als wir denken. Da wird unser altes Lebensgebäude erschüttert. Jesus ist nicht einfach die Bestätigung, dass wir gut leben. Jesus stellt alles in uns in Frage. Da verdunkeln sich erst einmal die Sonne und der Mond. Unser Denken wird auf den Kopf gestellt. Die Sichtweise, mit der wir auf unser Leben schauen, wird verdunkelt. Da fallen manche Sterne, mancher unserer illusionären Vorstellungen von uns, vom Himmel. Aber zugleich verheißt uns Jesus, dass er seinen Engel senden wird, der alles, was in mir erschüttert und zerrissen ist, zusammen führen wird. Wenn Jesus kommt, wird er das innere Chaos in mir ordnen und alles, was mich auseinanderreißt, miteinander vereinen.

In seiner apokalyptischen Rede erzählt uns Jesus ein kleines Gleichnis. Unsere Situation gleicht einem Mann, der auf Reisen ging. Seinen Dienern überträgt er die Verantwortung für sein Haus. Wir sollen wie gute Diener sorgfältig das tun, was uns aufgetragen hat. Dem Türhüter trägt er auf, er solle wachsam sein. Das Bild des Türhüters hat den Mönchsschriftsteller Evagrius Ponticus sehr beeindruckt. Einem Freund schreibt er, er solle ein guter Türhüter sein. Er solle gleichsam wie ein Türhüter an der Pforte seines inneren Hauses sitzen und jeden Gedanken, der an die Tür klopft, befragen: Bist du mir freundlich gesinnt oder feindlich? Willst du mir etwas Wichtiges mitteilen oder bist du ein Hausbesetzer, der mir das Hausrecht in meinem eigenen Hause streitig macht? Das wäre eine gute Übung für den Advent. Die Übung geht so: Ich setze mich eine halbe Stunde in mein Zimmer, ohne zu lesen, ohne zu beten, ohne zu meditieren, ja auch ohne nachzudenken. Wenn ich das versuche, kommen von alleine Gedanken hoch. Sie dürfen auch hochkommen. Doch ich frage jeden Gedanken: "Was ist deine Botschaft an mich? Worauf willst du mich aufmerksam machen? Welche Sehnsucht steckt in dir?" Alle Gedanken und Emotionen, die da in mir hochkommen, haben ja einen Sinn. Ich soll sie nicht einfach vertreiben, sondern mich mit ihnen unterhalten, um zu erkennen, welche Sehnsucht in ihnen steckt. In meinem Ärger steckt die Sehnsucht, mich besser abzugrenzen, mich zu schützen und mich frei zu fühlen. Im Neid steckt die Sehnsucht, dass mein Leben gelingt und dass ich dankbar auf das eigene Leben schauen kann.

Wenn wir uns in der Adventszeit bewusst einmal still hinsetzen und einfach auf das warten, was sich in unserer Seele zu Wort meldet, dann werden wir vor allem unseren Sehnsüchten begegnen. Es ist gut und heilsam für uns, in der Adventszeit mit seiner Sehnsucht in Berührung zu kommen. Die Psychologie sagt uns: Sucht ist immer verdrängte Sehnsucht. In der Alkoholsucht steckt die Sehnsucht, mich gut zu fühlen, geborgen zu sein, nichts leisten zu müssen. Doch wenn ich dieses Gefühl sofort erzeugen möchte, werde ich süchtig. Vor einigen Jahren lud mich ein Therapeut zu einer Suchttagung ein und wollte von mir einen Vortrag zum Thema: "Sucht in Sehnsucht verwandeln". Er war überzeugt, dass Sucht nicht allein durch Disziplin geheilt werden kann, sondern nur, wenn sie wieder in Sehnsucht verwandelt wird.

Für C.G. Jung ist jede Zeit des Kirchenjahres eine therapeutische Zeit. Jede Zeit bringt uns mit heilsamen Bildern in Berührung, die die krankmachenden Bilder in uns auflöst und uns in Berührung bringt mit dem ursprünglichen Bild Gottes in uns. Jede Zeit und jedes Fest des Kirchenjahres haben eine therapeutische Dimension. Die Adventszeit ist die Zeit, unsere Süchte wieder in Sehnsucht zu verwandeln. Jeder wird die eine oder andere Sucht in sich entdecken. Wir sollen uns dann nicht asketisch zusammenreißen und gegen die Sucht kämpfen. Vielmehr sollen wir wie der Türhüter unsere Süchte nach der Sehnsucht befragen, die dahinter steckt. Dann verurteilen wir uns nicht, wenn wir süchtiges Verhalten in uns wahrnehmen. Wir schauen es an und lassen uns von der Sucht zu unserer Sehnsucht führen.

Die Sehnsucht, die vor allem in der Adventszeit in uns aufsteigt, ist die Sehnsucht nach Heimat. Heimat ist aber nichts Vergangenes, nicht das Kreisen um unsere Kindheit. Ernst Bloch, der jüdische Philosoph sagt einmal: "Heimat ist das, was jedem in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war." In der Kindheit haben wir etwas geahnt von der Heimat. Aber die Heimat liegt vor uns. Die deutsche Sprache sieht es ähnlich. Heimat hängt mit Geheimnis zusammen. Daheim sein kann man nur, wo das Geheimnis wohnt, nur dort, wo wir das Vordergründige und Vorläufige übersteigen und offen sind für das, was größer ist als wir selbst. In der Sehnsucht nach Heimat spüren wir schon etwas von der Heimat, die in uns ist. Exupery sagt einmal: In der Sehnsucht nach Liebe ist schon Liebe. In der Sehnsucht nach Gott ist schon Gott. Viele bedauern, dass sie Gott nicht spüren. Sie möchten glauben, aber es gelingt ihnen nicht. Doch sie sehnen sich nach Gott und nach dem Glauben. Und in der Sehnsucht nach Gott spüren sie die Spur, die Gott in der Sehnsucht in ihr Herz gegraben hat. Und in der Sehnsucht nach Glauben ist schon Glaube in uns da.

Im Advent feiern wir das Kommen Jesu in unser Leben. Jetzt in der Eucharistiefeier zieht Jesus ein in unser Haus. Er möchte aus uns alle Hausbesetzer vertreiben. Er möchte alle dunklen Räume in uns mit seinem Licht erhellen und alles Erstarrte mit seiner Liebe neu zum Blühen bringen. Wenn er in unserem Haus wohnt, dann können auch wir darin wohnen. Wenn er zu uns kommt, dann können auch wir bei uns ankommen, bei unserem wahren Selbst, bei dem einmaligen Bild, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat. Dann feiern wir wahrhaft Advent: Ankunft Christi, Ankommen Jesu bei uns und unser Ankommen bei uns selbst, Ankommen in diesem Augenblick. Jetzt in diesem Augenblick klopft Jesus an die Tür unseres Herzens. Dieses Anklopfen erschüttert uns, aber es verheißt uns auch, dass wir wahrhaft zu Hause sein können, wenn wir Jesus in uns einlassen. Amen. 

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