Weihnachtsgrüße von Pater Anselm Grün

Liebe Leserin, lieber Leser!

In diesem Jahr möchte ich Ihnen meine guten Wünsche zum Weihnachtsfest auf dem Hintergrund des Glaubensbekenntnisses formulieren, das wir in der Abtei jeden Sonntag lateinisch singen. Es ist das Glaubensbekenntnis, das auf dem Konzil von Nizäa (325) und von Konstantinopel (381) festgelegt worden ist. Für uns sind die Formulierungen etwas fremd. Sie klingen nach abstrakter Theologie.

Doch wenn wir diese Aussagen näher betrachten, so drücken sie auf wunderbare Weise das Geheimnis von Weihnachten aus. Ich möchte fünf Aussagen im Glaubensbekenntnis meditieren und auf unser Leben hin auslegen. Daraus werden sich dann fünf Wünsche ergeben.

Die erste Aussage heißt: Jesus ist unseretwegen herabgestiegen vom Himmel. Wolfgang Amadeus Mozart hat in seinen Credo-Vertonungen dieses "descendit = herabgestiegen" immer wieder betont. Das ist für ihn das Wesen des weihnachtlichen Geheimnisses. Gott steigt zu uns herab, damit wir ihn dort erfahren, wo wir sind. Weihnachten bedeutet, dass wir in jedem Bruder und jeder Schwester Gott begegnen. Gott begegnet uns auf gleicher Augenhöhe. Er ist unter uns und geht mit uns unsere Wege.

Und wir begegnen ihm gerade in den Hirten, die eher am Rand der Gesellschaft leben. So wünsche ich Ihnen, dass Sie Gott erfahren können dort, wo Sie wohnen, in Ihren Nachbarn, in den Fremden, die bei Ihnen leben, und in den Kollegen und Kolleginnen bei der Arbeit. Ich wünsche Ihnen, dass Sie den Mut finden, hinabzusteigen zu den Menschen und ihnen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Dann werden Sie auch etwas von dem Gott erahnen, der an Weihnachten zu uns herabgestiegen ist.

Die zweite Aussage: Er ist um unseres Heiles willen vom Himmel herabgestiegen. Gott ist in Jesus zu uns herabgestiegen, damit wir heil und ganz werden. Wir werden nur heil und ganz, wenn wir wie Gott den Mut finden, hinabzusteigen in die Tiefen unseres Menschseins, in den Stall unserer Seele, in dem manches herum liegt, was nicht so gut riecht, was wir gerne vor andern verbergen möchten. Aber gerade dorthin will das göttliche Licht hinabsteigen, um alles in uns zu erleuchten. Und gerade in das Chaos unserer Seele möchte Gottes Liebe eindringen und alles durch die Liebe verwandeln. Das heißt aber auch, dass wir selbst liebevoll auf das schauen, was wir sonst vor uns selbst, vor Gott und vor den Menschen verbergen möchten.

Alles wird von Gottes Liebe verwandelt und geheilt. So wünsche ich Ihnen, dass Sie an Weihnachten die Erfahrung machen, dass es nichts in Ihnen gibt, was nicht von Gottes Liebe berührt, durchdrungen und verwandelt wird. Überall in Ihrer Seele und in Ihrem Leib begegnen Sie dieser barmherzigen Liebe Gottes, die in dem Kind in der Krippe für uns aufgeleuchtet ist und die Sie heilen möchte.

Die dritte Aussage: et incarnatus est de Spiritu Sancto = Er ist Fleisch geworden durch den Heiligen Geist. Im Lateinischen heißt es noch präziser: Er hat sich eingefleischt vom Heiligen Geist her. Der Geist Gottes ist in das menschliche Fleisch gekommen. Das heißt auch: er hat mein Fleisch verwandelt. Mozart vertont das "incarnatus est" immer ganz zärtlich. Es ist für ihn ein Geheimnis, dass Gott es wagt, in unser menschliches Fleisch zu kommen. Denn das menschliche Fleisch ist nicht nur vergänglich, sondern oft genug auch von Trieben und Leidenschaften beherrscht.

Aber wenn Gott ins Fleisch kommt, dann wird das Fleisch geheilt, dann wird das Fleisch vom Geist Gottes erfüllt. Daran hängt auch das Gelingen unseres Lebens, dass unser Leib vom Geist Gottes und von der Liebe Gottes durchdrungen wird. So wünsche ich Ihnen, dass Sie an Weihnachten Ihren Leib neu zu schätzen lernen. Denn in Ihrem Leib will Gottes Licht und Gottes Schönheit aufstrahlen. Stellen Sie sich vor, dass in Ihrem Leib, auch wenn er vielleicht gerade krank ist oder wenn er Ihnen wegen des Alters Schwierigkeiten bereitet, Gottes Geist Wohnung genommen hat. Gehen Sie liebevoll mit Ihrem Leib um, weil Gott selbst darin wohnt.

Die vierte Aussage: Er hat Fleisch angenommen aus Maria der Jungfrau. Mozart vertont das "ex Maria Virgine" immer mit einer weihnachtlichen Melodie. Es ist das Wunder von Weihnachten, dass Gott aus dem Schoß einer Jungfrau zur Welt kommt. Gott traut dem Mädchen Maria zu, dass sein Wort in ihr Fleisch wird. Gott verbindet sich also auf neue Weise mit der Frau. Er wird ein Kind, das eine Frau gebiert.

So wünsche ich Ihnen, dass Sie an Weihnachten das Geheimnis Ihrer eigenen Geburt meditieren. Ihre Mutter hat Sie 9 Monate in ihrem Schoß getragen und ihre Liebe in Sie hineingelegt. Und Gott hat in dieser Zeit sein eigenes Bild in Sie eingebildet, ein einmaliges Bild, das nur für Sie bestimmt ist. Danken Sie Gott für Ihre eigene Geburt und bitten Sie Gott, dass Sie ähnlich wie Jesus Licht in diese Welt bringen, Liebe ausstrahlen und dass durch Sie etwas von Gott sichtbar wird in dieser Welt.

Die fünfte Aussage: "et homo factus est = und ist Mensch geworden". Die Kirchenväter haben diese Aussage so gedeutet: Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht wird. Andere drücken es so aus: Gott zeigt uns in der Menschwerdung seines Sohnes, wie auch unsere Menschwerdung geht. Wir werden nur dann wahrhaft Mensch, wenn wir wie Jesus hinabsteigen in die Tiefe unserer Seele und unseres Leibes, wenn das Wort Gottes in uns Fleisch annimmt, wenn das Licht Gottes alle Dunkelheit in uns erhellt und wenn das göttliche Leben unser sterbliches und hinfälliges Leben durchdringt und verwandelt. Wir werden nur dann wahrhaft Mensch, wenn wir Gottes Leben in uns einströmen lassen. Nicht indem wir um uns kreisen, erkennen wir, wer wir sind, sondern wenn wir uns auf Gott hin öffnen und Gottes Liebe in uns einströmen lassen.

So wünsche ich Ihnen an Weihnachten, dass Sie das Geheimnis Ihrer eigenen Menschwerdung neu verstehen. Jesus hat es uns vorgemacht: wir sollen Mensch unter Menschen werden, uns nicht über sie erheben, sondern gerade in unserer Einfachheit und Armut durchlässig werden für Gottes barmherzige Liebe und für Gottes mildes Licht, das diese Welt verwandeln und menschlicher machen möchte.

So wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest, an dem Ihnen das Geheimnis der Geburt Jesu und Ihrer eigenen Geburt, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und Ihrer eigenen Menschwerdung auf neue Weise aufgeht. Und ich wünsche Ihnen Gottes Segen für das Neue Jahr, damit Gottes Licht alles Dunkle erhellen und Gottes Liebe alle Kälte aus Ihrem Leben vertreiben möge. Ich wünsche Ihnen, dass Sie selbst im Blick auf Jesus ein Mensch werden, der für andere zum Segen wird.

Ihr P. Anselm Grün

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  • Ihr Weihnachtsbrief

    Lieber Anselm Grün,
    Ich habe dieses Jahr meinen Mann verloren, gerade mal 54 Jahre alt - dieses Jahr wird also Weihnachten gaaanz anders
    - ihre Worte haben mir Mut gegeben - lieben Dank - auch wenn ich es noch nicht glauben/sehen kann, - dieses Licht, - das neue Leben -- lieben Dank -- mein Leid empfinde ich manchmal als unzumutbar/untragbar -- und da ist doch dieses Kind geboren, um 33 Jahre später für all unsere Schuld und unser Leid zu sterben? -- Ich bin zuversichtlich, dass er, unser lieber Heiland auch mir und all d n Trauernden hilft und die ine neue Perspektive auftut - oh Heiland reiss die Himmel auf - - Jetzt lieber Anselm Grün, bitte ich Sie t otzdm, betet für mich --- im Moment ist alles ver-rückt .... und, ich weiß nicht, wie ich den Tag überstehen soll, da ist mir Hilfe von oben immer willkommen - und die in Gebet, ---
    Liebe Grüße
    Antonie